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Dr. med. Alexander Schweiger, leitender Arzt Innere Medizin und Infektiologie / Co-Leiter Infektiologie, äussert sich im Schweizer Online-Magazin für Politik, ProudMag.com, zum Thema Ebolavirus. (Bild: Zuger Kantonsspital)

Ebolavirus in der Schweiz – Kein Grund zur Panik

Vor einigen Tagen hat die Rega eine Patientin und deren Ehemann von Nigeria in die Schweiz geflogen. Brisant an der Repatriierung ist: Die Frau hat sich in Afrika mit dem hochansteckenden und potentiell tödlichen Ebolavirus angesteckt. Darauf hin ist in den sozialen Medien ein veritabler Shitstorm gegen die Rega und den Bund entbrannt. Zu Unrecht. Im Interview mit dem Schweizer Online-Magazin für Politik, ProudMag.com, äussert sich Dr. med. Alexander Schweiger, leitender Arzt der Abteilung Innere Medizin und Infektiologie am Zuger Kantonsspital, über verschiedene Fragen rund um die Viruserkrankung. Und die möglichen Gefahren, die von Ebola ausgehen. Der Experte beschwichtigt: Die Menschen in unserem Land haben keinen Grund zur Panik.

Als die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega und das Innendepartement von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider am Montag mitgeteilt haben, dass eine Schweizer Bürgerin, die sich in Afrika mit dem Ebolavirus angesteckt hat, zusammen mit ihrem Ehemann von Nigeria zurück in die Schweiz geflogen worden ist, sind kurz darauf zahlreiche Berichte in den Medien und Kommentare in den sozialen Medien erschienen. Viele verunsicherte Menschen haben ihren Ärger und ihre Wut über ein mögliches Ansteckungsrisiko kundgetan. Die Rega und der Bund hätten fahrlässig gehandelt. Sie hätten durch ihr eigenmächtiges Handeln die Bevölkerung einer akuten und tödlichen Gefahr ausgesetzt, lautete der Tenor. Sogar vom bevorstehenden Ausbruch einer Ebola-Epidemie war in einschlägigen Foren die Rede. Doch nüchtern betrachtet, haben die Menschen in der Schweiz keinen Grund zur Panik.

Dr. med. Alexander Schweiger, Facharzt für Infektiologie, nimmt im Online-Magazin ProudMag.com Stellung

Im Schweizer Online-Magazin für Politik, ProudMag.com, beantwortet Dr. med. Alexander Schweiger, Facharzt für Infektiologie am Zuger Kantonsspital, aus der Perspektive des Experten einige zentrale Fragen rund um das Ebolavirus. Der Arzt schildert, wie es zur Infektion mit dem Virus kommen kann, welche Symptome dabei auftreten und welche Gefahren von Ebola ausgehen. Er beurteilt aus der Sicht des unbeteiligten Infektiologen – das Ehepaar wird an den Unispitälern von Zürich und Genf und nicht in Zug behandelt, den Modus Operandi bei der Rega. Und er äussert sich zu den Schutzmassnahmen, die das medizinische Personal in den beiden Spezialkliniken ergreift, um die Verbreitung des Ebolavirus zu verhindern. Seine Äusserungen sind ausgesprochen interessant und aufschlussreich. Die Lektüre lohnt sich.

ProudMag.com: Der Bund hat beschlossen, eine Frau, die sich in Nigeria mit dem Ebola-Virus infiziert hat, mit dem Ambulanzjet der Rega zu repatriieren. Wie beurteilen Sie aus Ihrer  Perspektive als leitender Arzt der Infektiologie am Zuger Kantonsspital Zug diesen Entscheid?

Dr. med. Alexander Schweiger: Aus meiner Sicht ist das grundsätzlich ein guter Entscheid. In der Schweiz sind zwei Spitäler – die Universitätsspitäler Genf und Zürich – geschult und auf die Behandlung solcher Patienten vorbereitet. Auch die Rega ist für den sicheren Transport geschult. In der Schweiz wohnhafte Personen sollten meines Erachtens die bestmögliche medizinische Betreuung erhalten. Diese ist hier sicher besser als in Nigeria. Da ich selbst beruflich in Nigeria tätig war, kann ich dies bis zu einem gewissen Punkt beurteilen.

ProudMag.com: Inwiefern geht von diesem Umstand eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung in unserem Land aus?

Dr. med. Alexander Schweiger: Die Schutzmassnahmen an den beiden genannten Zentren und bei der Rega sind extrem hoch. Zudem handelt es sich um spezialisierte Teams, die solche Einsätze regelmässig üben. Eine relevante Übertragungsgefahr für die Schweizer Bevölkerung besteht deshalb nicht.

Was wir alle über das Ebola-Virus wissen müssen

ProudMag.com: Wir haben uns in der Vergangenheit eingehend mit dem Covid-19-Virus befasst. Und haben uns diesbezüglich mit den möglichen Auswirkungen, die davon ausgehen, ausgiebig auseinandergesetzt. Ebola hingegen war in der Schweiz bisweilen überhaupt kein Thema. Was müssen die Leute demnach über die Ebolaviruskrankheit wissen? Wie kommt es zu einer Ansteckung, welches sind die Symptome und wie kann das hämorrhagische Ebolafieber behandelt werden?

Dr. med. Alexander Schweiger: Von Mensch zu Mensch wird Ebola am häufigsten übertragen, wenn Körperflüssigkeiten einer erkrankten Person – vor allem Blut, Stuhl oder Erbrochenes – mit nicht intakter Haut oder mit Schleimhäuten in Kontakt kommen. In der Rekonvaleszenzphase kann auch Sperma noch ansteckend sein. Möglich ist zudem eine Ansteckung über kontaminierte Oberflächen, wobei dazu keine gesicherten Daten vorliegen. Eine Übertragung durch Aerosole wurde bisher nie beobachtet; gewisse Labordaten deuten jedoch darauf hin, dass dies eine mögliche Infektionsquelle sein könnte.

In den Endemiegebieten Afrikas spielt zudem der Kontakt mit infizierten Tieren, möglicherweise auch mit Fledermäusen, eine Rolle.

Typischerweise 6 bis 12 Tage nach der Infektion treten unspezifische Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Bauchschmerzen, Erbrechen und Durchfall auf. Nach 5 bis 7 Krankheitstagen entwickelt sich ein Hautausschlag. Zudem kommt es zu Blutungen im Magen-Darm-Trakt, in der Haut oder in den Schleimhäuten, die in der Endphase der Erkrankung stark ausgeprägt sind. Überlebende zeigen typischerweise in der zweiten Krankheitswoche eine Besserung. Die Sterblichkeit ist jedoch hoch: Rund zwei Drittel der Erkrankten sterben.

Was ist eine Patient Isolation Unit (PIU) und wie schützt die Vorrichtung das medizinische Personal sowie die allgemeine Bevölkerung?

ProudMag.com: Wie beurteilen Sie das Ansteckungsrisiko für das medizinische Personal der Rega, welches in den Transport der Patientin und ihres Ehegatten involviert war, für das behandelnde Fachpersonal am USZ sowie am HUG sowie für die Patientinnen und Patienten in den beiden Spitälern?

Dr. med. Alexander Schweiger: Ich war während des Ebola-Ausbruchs 2015 selbst im entsprechenden Team des Universitätsspitals Basel und habe diese Schulungen und Prozesse durchlaufen. Das Ansteckungsrisiko für diese geschulten Teams schätze ich als sehr gering ein.

ProudMag.com: Die Rega hat beim Transport der mit Ebola infizierten Frau die so genannte PIU (Patient Isolation Unit) – eine spezielle Kapsel für die Isolation von hochinfektiösen Menschen, eingesetzt. Gewährleistet die PIU einen 100-prozentigen Schutz der Aussenwelt?

Dr. med. Alexander Schweiger: Diese Units sind darauf ausgelegt, das umgebende Personal nahezu zu 100 Prozent zu schützen. 100 Prozent gibt es nie. Die genauen technischen Daten der PIU der Rega sind mir nicht bekannt. Letztlich vertraue ich einerseits auf die Fähigkeit der Rega, dies einzuschätzen, andererseits auf den «Überlebenswillen» der Beteiligten. Bei dieser ansteckenden und tödlichen Krankheit hat das Personal ein klares Eigeninteresse, den Schutz so hoch wie irgend möglich zu halten. Dass diese professionellen Teams bereit sind, damit zu arbeiten, zeigt, dass sie die Sicherheit als ausserordentlich hoch einschätzen.

Von der Rega seitdem transportierte Patientinnen und Patienten brauchen sich absolut keine Sorgen zu machen

ProudMag.com: Laut einer Medienmitteilung der Rega ist nach dem Einsatz der PIU die nachträgliche Desinfektion des Transportmittels – in diesem konkreten Fall des für den Transport eingesetzten Ambulanzjets und Helikopters, nicht nötig. Teilen Sie als Facharzt für Infektiologie diese Aussage?

Dr. med. Alexander Schweiger: Solange es während des Transports nicht zu einem «Bruch der Sicherheitsmassnahmen» gekommen ist, ist davon auszugehen, dass kein Ebola-Virus die Einheit verlassen hat. Eine Desinfektion ist deshalb nicht notwendig.

ProudMag.com: Müssen sich Patientinnen oder Patienten, die seitdem von der Rega transportiert worden sind oder noch befördert werden, in irgend einer Art und Weise Sorgen wegen einer möglichen Ansteckung mit Ebola machen?

Dr. med. Alexander Schweiger: Nein.

Die Gefahr eines Ebola-Ausbruchs in der Schweiz ist exorbitant gering

ProudMag.com: Erlauben Sie mir abschliessend noch die folgende Frage: Nun, da das Ebola-Virus auf Entscheid des Bundes in die Schweiz gebracht worden ist. Können Sie als Facharzt ausschliessen, dass sich dieses hochinfektiöse und potentiell tödliche Virus auf irgend eine Weise in der Schweiz verbreiten könnte? Sei es durch ein Versagen der getroffenen Schutzmechanismen, durch Fahrlässigkeit oder wegen anderer Imponderabilien? 

Dr. med. Alexander Schweiger: Ich erachte die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ebolavirus infolge dieses Entscheids des Bundes in der Schweiz ausbreitet, als exorbitant gering. Die Sicherheitsmassnahmen während des Transports und der Behandlung in den spezialisierten Zentren in Genf und Zürich sind als so lückenlos, wie nur irgend möglich zu bezeichnen. Wenn überhaupt, erachte ich das Risiko einer Einschleppung des Virus durch Reisende aus den betroffenen Gebieten als höher. Doch auch hier wurden unter der Federführung des BAG Massnahmen ergriffen, um eine Ausbreitung zu verhindern und solche Fälle rasch zu isolieren und in die entsprechenden Zentren zu bringen.

Dr. med. Alexander Schweiger / Leitender Arzt Innere Medizin und Infektiologie / Co-Leiter Infektiologie