Die Grünliberale Partei (GLP) hat sich mit ihrer Familienzeit-Initiative ins Abseits manövriert. Wie die Partei in einer vor kurzem verfassten Medienmitteilung schreibt, fehlen für das Zustandekommen der Initiative noch rund 15’000 Unterschriften. Damit droht die Volksinitiative knapp vor dem Ende der Sammelfrist – die Unterschriften müssen am 01. Oktober 2026 bei der Bundeskanzlei in Bern eingereicht werden, zu scheitern. In einem eindringlichen Appell richtet sich die GLP an ihre Mitglieder und Unterstützer, noch einmal “alles zu geben”. Ob es am Ende reicht, scheint eher unwahrscheinlich.
Von Claudio Prader
In ihrer Mail vom 07. August 2026 weist die Grünliberale Partei (GLP) darauf hin, dass für das Zustandekommen der Familienzeit-Initiative noch rund 15’000 gültige Unterschriften fehlen. Die Zeit drängt. Am 01. Oktober 2026 müssen die Unterschriften bei der Bundeskanzlei in Bern eingereicht werden. Zuvor müssen die Unterschriften den Gemeinden zur Beglaubigung unterbreitet werden. Mit der Beglaubigung ist die Stiftung Battenberg beauftragt. Vor diesem zeitlichen Hintergrund droht die Volksinitiative kurz vor dem Ende der Sammelfrist zu scheitern.
Allianz linker Parteien und Organisationen stehen vor einem drohenden Scherbenhaufen
So räumt die GLP in ihrer Mail dann auch unumwunden ein, dass “die Initiative als Ganzes zu scheitern droht”. Die Partei versucht nun die Sympathisanten der Initiative im letzten Augenblick zu mobilisieren: “Jetzt müssen wir noch einmal alles geben!”, lautet der Tenor bei den Grünliberalen. Mit dem Mut der Verzweiflung lässt die GLP verlauten: “Gemeinsam können wir es schaffen!” Dass sind ziemlich viele Ausrufezeichen. Seit dem 01. April 2025 hatte die GLP Zeit, um das nötige Quorum von 100’000 Unterschriften zusammen zu tragen. Knapp 18 Monate später droht dem Vorstoss noch während der eigentlichen Unterschriftensammlung das Aus.
Dem Initiativkomitee gehören nebst der federführenden Grünliberalen Partei (GLP) auch die Grüne Partei sowie die Partei Mitte Frauen Schweiz an. Ebenfalls mit an Bord sind die Organisationen alliance F sowie Travail.Suisse. Unterstützt wird der Vorstoss von der Sozialdemokratischen Partei (SP) sowie der Evangelischen Volkspartei (EVP).
Der Familienzeit-Initiative steht das selbe Schicksal bevor wie der Lebensmittelschutz-Initiative von Grünen und SP
Es drängen sich in der Causa “Familienzeit-Initiative” deutliche Parallelen zur Lebensmittellschutz-Initiative der Grünen und der Sozialdemokratischen Partei (SP) auf. Die eidgenössische Volksinitiative «Für gentechnikfreie Lebensmittel (Lebensmittelschutz-Initiative)» ist am 3. September 2024 lanciert worden. Die Sammelfrist lief bis zum 3. März 2026. Das Initiativkomitee hatte die Unterschriften am 27. Februar 2026 bei der Bundeskanzlei eingereicht. Am 18. Juni 2026 teilte die Bundeskanzlei das Scheitern der Initiative mit. Damals sass der Schock beim Initiativkomitee tief: Bloss 96’200 der eingereichten 98’200 Unterschriften für die Initiative “Lebensmittel schützen!” waren auch tatsächlich gültig (siehe unten stehende Beiträge).
Um was genau geht es bei der Familienzeit-Initiative?
Mit der Familienzeit-Initiative wollen die Urheber des Volksbegehrens die Geburtenrate in der Schweiz erhöhen. Auch wollen die Initianten damit die Chancengleichheit von Müttern sowohl im privaten wie auch beruflichen Rahmen fördern. Daneben soll die Initiative dazu beitragen, den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Zu guter Letzt soll die “Familienzeit” von je 18 Wochen für Mütter und Väter die Steuerzahlenden sowie den Staat langfristig bei den Sozialbeiträgen und Steuerabgaben entlasten.
Die Hauptmerkmale der Familienzeit-Initiative im Überblick:
- Einerseits wird die Bevölkerung in der Schweiz immer älter. Was bedeutet, dass immer mehr Menschen auf eine AHV-Rente und/oder auf Pflegeleistungen angewiesen sind. Andererseits ist die Geburtenrate auf ein Rekordtief gesunken. Damit finanzieren immer weniger Erwerbstätige immer mehr Rentnerinnen und Rentner. Diesem Umstand will die Volksinitiative Rechnung tragen. Und mit der “Familienzeit” einen neuen “Generationenvertrag” schaffen.
- Die Familienzeit will Chancengleichheit in Beruf und Familie schaffen. Die heutige Regelung werde dem nicht gerecht. Weil den Frauen einseitig die Verantwortung für die Kindererziehung zugeteilt werde. Damit würden Stereotypen zementiert. Was wiederum Frauen auf dem Arbeitsmarkt benachteilige. Hier will die Familienzeit-Initiative ansetzen. Indem beiden Eltern neu eine Familienzeit von je 18 Wochen zugestanden wird. Damit soll Frauen den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert werden. Als Folge dessen soll auf längere Sicht der sich zusehends verschärfende Fachkräftemangel entschärft werden.
- Letzteres verweisen die Initianten auf die positiven Auswirkungen der Familienzeit-Initiative für die Wirtschaft. Diese berufen sich dabei auf eine Studie des Beratungsunternehmens Ecoplan aus dem Jahr 2024. Wonach bei Annahme des Volksbegehrens jedes Jahr 2’500 Vollzeitbeschäftigte mehr im Arbeitsmarkt tätig sein könnten. Nach 10 Jahren sollen es sogar 25’000 sein. Und nach 20 Jahren würden sich die Mehrkosten von 1 Mia. Franken über höhere Steuern und Sozialversicherungsabgaben refinanzieren.
Die Familienzeit-Initiative kostet laut Ecoplan knapp 2 Mia. Franken
Mit ihrer Initiative formuliert die Linke ein überaus ambitioniertes Ziel. Hinsichtlich der Tausenden fehlenden Unterschriften drängt sich die Frage auf, ob die rot-grüne Allianz übertriebene Forderungen stellt. Und ob die Gesellschaft bereit dafür ist, die beträchtlichen Folgekosten der Familienzeit-Initiative zu schultern. Laut Berechnungen des Beratungsunternehmens Ecoplan betragen die Gesamtkosten der Initiative circa 1,9 Milliarden Franken. Rund eine Milliarde Franken mehr als heute. Die Mehrkosten von einer Milliarde Franken schrecken augenscheinlich viele Bürgerinnen und Bürgerin davon ab, die Initiative zu unterschreiben. Denn anderweitig wären die nötigen Unterschriften wohl im Nu zusammengekommen.
GLP glaubt an den Rückhalt in der Bevölkerung für eine 18-wöchige Elternzeit
Tobias Keller, Leiter Kommunikation und Kampagnen bei der Grünliberalen Partei (GLP), teilt die Auffassung der ProudMag.com-Redaktion nicht. Dieser schreibt auf unsere Anfrage: “Dass die Forderung nach 18 Wochen Elternzeit für Mütter und Väter zu wenig Rückhalt geniesst, glauben wir nicht. Im Gegenteil: Wir erfahren viel Unterstützung für die Idee einer modernen und fairen Elternzeit.” Für die GLP sei mitunter auch der wirtschaftliche Aspekt zentral: Zwei Einkommen generieren mehr Steuersubstrat als nur eines. Gleichzeitig ermögliche eine faire Elternzeit den Frauen, beruflich am Ball zu bleiben und ihre Karriere weiterzuverfolgen. Das sorge dafür, dass sich die Investitionen der Wirtschaft in gut ausgebildete Fachkräfte auch langfristig lohnen würden, so Keller.
“Die Familienzeit ist ein Generationenwerk, dass unsere Gesellschaft in die Zukunft trägt.”
Adrian Wüthrich, Präsident Travail.Suisse
Travail.Suisse-Präsident Adrian Wüthrich will bis zum Ende für die Initiative kämpfen
Adrian Wüthrich, Präsident von Travail.Suisse und Vorstandsmitglied im Trägerverein der Familienzeit-Initiative, sieht den Dachverband der Arbeitnehmenden in der Pflicht. “Travail.Suisse und seine Verbände haben in den letzten Wochen einen nochmaligen Effort geleistet, damit die Familienzeit-Initiative nicht scheitert. Uns fehlten Ende Juli tatsächlich 15’000 Unterschriften. Dank dem Sondereffort am Schluss aller Beteiligten kann es gelingen: Wenn alle so weiter sammeln und nicht locker lassen, dann schaffen wir es. Aber alle müssen sich anstrengen, es wird knapp. Damit es nicht zu knapp wird, zählt jede Unterschrift”, gibt sich dieser kämpferisch. Die Familienzeit-Initiative dürfe nicht scheitern, schreibt dieser. Weil die politische Diskussion über die weiteren Schritte in der Familienpolitik fortgeführt werden müsse. Travail.Suisse und seine Mitstreiter hatten im Jahr 2016 die Vaterschaftsurlaubs-Initiative federführend lanciert und konnten – wie Wüthrich erläutert, 2020 mit dem Gegenvorschlag zur Initiative erreichen, dass in der Schweiz ein Vaterschaftsurlaub eingeführt worden ist.
Der Präsident von Travail.Suisse weiter: “Kommt die Initiative nicht zustande, würden wir ein verheerendes Signal an die Politik senden.” Weil das primäre Ziel der Familienzeit-Initiative sei, den Druck aufs Parlament zu erhöhen. Zu viele Vorstösse und Standesinitiativen seien im Parlament mit der Begründung sistiert worden, dass zuerst der Fortgang respektive Ausgang der Volksinitiative abgewartet werden müsse. Bevor weitere Beschlüsse gefasst würden. “Die Familienzeit ist ein Generationenwerk, dass unsere Gesellschaft in die Zukunft trägt”, folgert Wüthrich. In Anbetracht der Tragweite der Initiative seien die Zusatzausgaben gerechtfertigt.
https://glp.swiss/initiativen-referenden-appelle/familienzeit-initiative/
https://www.familien-zeit.ch/initiativtext/


