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Im Rahmen der zukünftigen Energie-Strategie der Schweiz steht die Technologieoffenheit an erster Stelle. (Bild: AXPO)

Technologieoffenheit für Energie-Strategie der Zukunft unabdingbar

Im Interview mit dem Schweizer Online-Magazin für Politik, ProudMag.com, plädiert Martin Koller, Head Corporate Stragegy & Economics der Stromproduzentin Axpo, für die inländische, sprich autarke Stromproduktion. Für die Schweizer Energie-Strategie der Zukunft von zentraler Bedeutung sei dabei die Technologieoffenheit. Um den zukünftigen Stromverbrauch abdecken zu können, braucht es laut dem Wirtschaftsanalysten der Axpo einen klugen Mix aus Wind-, Sonne-, Wasser- und Kernkraft. Für die sichere und nachhaltige Energieversorgung der Zukunft müssten zwingend alle möglichen Szenarien berücksichtigt werden. In Bezug auf die Planungs-, Bewilligungs- und Umsetzungsverfahren der Projekte verweist Martin Koller auf die Verantwortung der Politik. Besonders auf die weitreichenden Entscheidungsbefugnisse der Standortkantone.

Die Axpo hat in einer umfassenden Analyse – den so genannten Energy Reports, die Zukunftsstrategien in der Energieproduktion der Schweiz skizziert. Und zählt dabei auf, welche Technologien unter welchen Bedingungen ökonomisch und ökologisch am sinnvollsten sind. Mit einer klugen Kombination mehrer Technologien sei es möglich, die (bezahlbare) Stromversorgung in unserem Land nachhaltig zu sichern. Von grosser Relevanz sei in dem Kontext die Prämisse einer Technologie-Offenheit, die sich allen gangbaren Wegen gegenüber nicht versperrt.

Die Schweiz muss für die Sicherheit der künftigen Stromversorgung alle möglichen Wege einschlagen

Damit die Schweiz während dem ganzen Jahr hindurch genügend nachhaltige und möglichst günstige Energie produzieren kann, seien gute langfristige Rahmenbedingungen entscheidend. Um künftige Projekte möglichst rasch und unbürokratisch realisieren zu können, seien schlanke Planungs-, Bewilligungs- und Umsetzungsverfahren unabdingbar, lässt die grösste Stromproduzentin der Schweiz verlauten.

Im Interview spricht sich der Wirtschaftsanalytiker Martin Koller dafür aus, die Vor- und Nachteile der verfügbaren Technologien und Szenarien minuziös nach ökonomischen und ökologischen Kriterien abzuwägen. Die zukünftigen Herausforderung im Rahmen der hiesigen Energieproduktion sieht der Strategieverantwortliche der Axpo besonders im Winterhalbjahr. Für diese Zeitspanne sieht der Experte ein grosses Potential im Ausbau der Erneuerbaren ein grosses Nutzungspotential. Trotz aller Anstrengungen sei die Anbindung der Schweiz an das europäische Stromnetz auf der Basis des Stromabkommens mit der Europäischen Union (EU) unverzichtbar.

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ProudMag.com: Herr Koller, Ihr Unternehmen spricht sich für einen Mix von Wind-, Solar- und Kernenergie sowie für Gasenergie aus. Dürfen wir diese Empfehlung als eine Art Plädoyer für die von den bürgerlichen Parteien geforderte Technologie-Offenheit verstehen?

Martin Koller: Ja, es braucht auf jeden Fall einen klugen Mix verschiedener Technologien. Axpo hat aus einer Vielzahl möglicher Szenarien zwei realistische Optionen präsentiert. Eines mit starkem Ausbau der erneuerbaren Energien, namentlich Wind, und Gas. Das zweite ist eine Koexistenz von Kernenergie mit anderen Technologien. Unsere vertiefenden Technologieberichte zeigen, dass keine der Technologien überragt, vielmehr hat jede spezifische Vor- und Nachteile in unterschiedlichen Kategorien.

Die Stromversorgung der Schweiz soll primär im Inland sichergestellt werden

ProudMag.com: Laut dem Bundesamt für Energie (BfE) lag der Stromverbrauch in der Schweiz im Jahr 2024 bei rund 57,5 TWh, bei einer Inlandproduktion von ca. 81 TWh. Die Hauptträger sind mit ca. 60 % die Wasser- und mit rund 28 % die Kernkraft. Bis 2050 wird der Energiebedarf in der Schweiz auf zwischen 80-90 TWh steigen. Die Schweiz muss also die hiesige Stromproduktion um mindestens 10 TWh steigern. Was mit Wind- und Solarenergie alleine kaum zu schaffen sein wird. Ihre Einschätzung dazu?

Martin Koller: Die kurze Antwort ist ja, es braucht weitere Technologien. Aber lassen Sie mich etwas ausholen. Die Schweizer Energiepolitik steht an einem Scheideweg. Macht die Schweiz weiter wie bisher, ist die Stromversorgung gefährdet – mit enormen Risiken und Kosten für Wirtschaft und Gesellschaft. Die Herausforderung besteht insbesondere im Winter, darum braucht es einen Blick aufs Winterhalbjahr. Unsere umfassende Analyse zeigt, welche Technologien unter welchen Bedingungen und zu welchen Kosten den benötigten Winterstrom liefern können. Die Herausforderung ist lösbar – mit einer klugen Kombination mehrerer Technologien.

Die Axpo Energy Reports stellen zwei Szenarien für eine verlässliche, emissionsarme und bezahlbare Stromversorgung vor. In beiden Szenarien wird die Stromversorgung primär im Inland sichergestellt, aber durch die enge Zusammenarbeit mit den Nachbarländern abgesichert. Dazu ist ein Stromabkommen notwendig. Die Szenarien unterscheiden sich besonders im Winter-Strommix. Beide Szenarien lassen sich ohne Ausbau der Fördermittel realisieren, bedürfen aber einer Umschichtung zugunsten von Winterstrom.

In beiden Szenarien plädiert Martin Koller für einen ausgewogenen Mix

Szenario 1 besteht aus einer ausgewogenen Mischung aus Wasserkraft, mehr Photovoltaik, deutlich mehr Windkraft sowie einigen marktaktiven Gaskraftwerken als flexible Ergänzung.

In Szenario 2 entscheidet sich die Schweiz für den Neubau von zwei Kernkraftwerken. Diese koexistieren mit den anderen Technologien, denn auch dieses Szenario umfasst Wasserkraft, mehr Photovoltaik, mehr Windkraft sowie marktaktive Gaskraftwerke. Neue Kernkraftwerke reduzieren jedoch den Ausbaubedarf bei allen anderen Technologien deutlich.  

Im Winter wird die Schweiz auch künftig Strom aus den Ländern der Europäischen Union importieren müssen

ProudMag.com: Noch übersteigt die Stromproduktion der Schweiz unseren Eigenbedarf. Werden wir in Zukunft jedoch auf Stromimporte angewiesen sein? Welche Rolle spielt dabei das Stromabkommen mit der EU?

Martin Koller: Bereits heute gibt es in den meisten Winterhalbjahren eine geringere Stromerzeugung als Nachfrage. Da die Produktion aus Wasserkraft und Solar mehrheitlich im Sommerhalbjahr anfällt und die Nachfrage im Winterhalbjahr höher ist. Das heisst, die Schweiz importiert heute schon mehr Strom im Winterhalbjahr als sie exportiert, während es im Sommer genau umgekehrt ist. Dann exportieren wir mehr als wir importieren. Mit einem Stromabkommen mit der EU wäre die Schweiz besser in den EU-Strombinnenmarkt integriert und könnte an den wichtigen Gremien teilnehmen. Das würde die Versorgungssicherheit heute und in Zukunft stärken.

In unseren Energy Reports gehen wir davon aus, dass die Schweiz auch in Zukunft gut in das europäische Netz integriert sein wird und Handelsmöglichkeiten bestehen bleiben. In allen gerechneten Szenarien sind Nettoimporte von rund 5 TWh im Winterhalbjahr möglich.

Punkto Wasserkraft rät die Axpo dazu, die bestehenden Anlagen zu erweitern und zu erneuern

ProudMag.com: Die Axpo schreibt in ihrem Energy Reports, dass bei der Wasserkraft kaum mehr Ausbaupotenzial besteht. Wie gelangt Ihr Unternehmen zu dieser Schlussfolgerung?

Martin Koller: Die natürlichen Standortpotenziale für neue Grosswasserkraftwerke in der Schweiz gelten weitgehend als ausgeschöpft. Das verbleibende, realistisch erschliessbare Potenzial liegt primär in der Erweiterung und Erneuerung bestehender Anlagen, in Effizienzsteigerungen sowie, punktuell, in neuen Speicherseen im Hochgebirge infolge Gletscherrückgangs. Bis 2050 soll die Wasserkraft gemäss den im Energiegesetz verankerten Zielen um ungefähr 2 TWh jährlich erhöht werden. Während Neubauprojekte und Effizienzsteigerungen zu einem Produktionsanstieg führen, dürften diese Gewinne durch Produktionsrückgänge aufgrund Umweltauflagen, insbesondere Restwasservorgaben, aufgezehrt werden.

Die Erneuerbaren stehen unter den beschleunigten Bewilligungsprozessen vor einem “Energie”-Schub

ProudMag.com: Im vergangenen Herbst hat das Parlament beschlossen, das Beschwerderecht gegen Projekte für den Ausbau erneuerbarer Energien einzuschränken. Womit die Bewilligungsverfahren um einige Jahre verkürzt werden. Welche Relevanz misst die Axpo diesem Entscheid bei – mitunter auch mit Hinblick auf die Wasserkraft?

Martin Koller: Der im Herbst 2025 verabschiedete Beschleunigungserlass verkürzt sowohl die Bewilligungsverfahren von Erneuerbaren als auch den Rechtsmittelweg für die Planung von Anlagen von nationalem Interesse. Da das Potenzial für neue grosse Wasserkraft beschränkt ist (siehe Antwort oben) und diese Ausgangslage für Projekte des «Runden Tischs Wasserkraft» bereits gegeben ist, ist der Beschleunigungserlass vor allem für Windenergie und Freiflächen-PV relevant. Bis vor Kurzem umfasste der Bewilligungsprozess für Windprojekte mehrere Verfahrensstufen mit mehrfachen Einsprachemöglichkeiten und dauerte deshalb durchschnittlich rund 15 Jahre.

Mit der Umsetzung des Beschleunigungserlasses wird sich diese Ausgangslage verbessern. Dank des konzentrierten Plangenehmigungsverfahrens kann die Dauer auf rund 5 Jahre reduziert werden. Dafür ist notwendig, dass die Kantone in der Umsetzung die Gemeinden einbinden, aber auf formale Zustimmung als Teil des Plangenehmigungsverfahrens verzichten.

Die Ausgangslage für Windkraft-Projekte in der Schweiz hat sich deutlich verbessert

ProudMag.com: Bei welchen alternativen Energiequellen sieht die Axpo das grösste Ausbaupotential? Und welcher Weg verspricht punkto rascher Bewilligungsverfahren und unter ökonomischen Gesichtspunkten die grössten Erfolgschancen?

Martin Koller: Alle vier untersuchten Technologien – Wind, Kern, Solar und Gas – haben das Potenzial, in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Schweizer Stromversorgung zu leisten. Aufgrund der sehr hohen Akzeptanz weist Dach-PV heute die höchste Ausbaugeschwindigkeit auf. Dach-PV-Anlagen können typischerweise in weniger als einem Jahr realisiert werden. Da ihre Produktion jedoch mehrheitlich auf das Sommerhalbjahr fällt, sind insbesondere kleine Anlagen für die Stromproduktion im Winterhalbjahr sehr teuer.
Im Gegensatz dazu produziert Windkraft rund zwei Drittel im Winterhalbjahr und ist vergleichsweise günstig.

Durch den kürzlich beschlossenen Beschleunigungserlass hat sich zudem die Ausgangslage für Windprojekte verbessert. Ob dies für einen schnelleren Ausbau der Windkraft ausreicht, ist mehrheitlich von der kantonalen Umsetzung abhängig und wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Eine verstärkte gesamtschweizerische Planung könnte den Ausbau weiter beschleunigen. Dazu könnten beispielsweise die konzeptionellen Grundlagen des Bundes verbindlicher ausgestaltet und ein nationales Monitoring der kantonalen Umsetzung aufgesetzt werden. Auch ein «Runder Tisch Wind» könnte flankierend unterstützen und den Austausch sowie die Akzeptanz zu konkreten Projekten stärken.

Bund und Kantone stehen bei der künftigen Energieversorgung stark in der Pflicht

ProudMag.com: Unter welchen Bedingungen können Wind- und Solarenergie in Zukunft die Stromlücken im Winter kompensieren?

Martin Koller: Sowohl Wind- als auch Solarenergie haben ein beträchtliches Potenzial in der Schweiz, auch mit Sicht auf das Winterhalbjahr. Hinsichtlich der Herausforderungen im Winterhalbjahr, ist ein Zusammenspiel der Technologien im Gesamtsystem zentral. So kann beispielsweise eine höhere Solarproduktion in den Randmonaten Oktober und März zu einer Verschiebung der Wasserkraft in sonnenärmere Monate führen.

Insbesondere in den kritischen Monaten Dezember bis Februar ist die Solarproduktion jedoch sehr tief. Dies kann dazu führen, dass nach der Ausserbetriebnahme der Kernkraftwerke die Wasserkraft den Bedarf nicht immer decken kann. Auch wenn es zu einem starken Ausbau von Wind und Solar kommt, ist der Einsatz von marktaktiven Gaskraftwerken besonders für diese kritischen Monate hilfreich.
 
ProudMag.com: Die Windenergie verspricht laut den Energy Reports ein Potenzial von mehreren Dutzend Terawattstunden pro Jahr. Lange Bewilligungsverfahren und die mangelnde Akzeptanz der Bevölkerung für diesen Energieträger stehen diesem Potential stoisch gegenüber. Mit welchen Massnahmen liesse sich dieser „gordische Knoten” auflösen?

Martin Koller: Das BFE schätzt das theoretisch nutzbare Potenzial auf rund 30 TWh pro Jahr. Im Szenario 1, Erneuerbare + Gas, ist ein Ausbau der Windenergie auf 10 TWh vorgesehen, was ungefähr 1’100 Windenergieanlagen entspricht. Um diesen Ausbau zu ermöglichen sind verschiedene Massnahmen notwendig:

Die Kantone müssen laut Martin Koller zusätzliche Standorte für die Windkraft ausweisen

  • Der Beschleunigungserlass muss auf kantonaler Ebene konsequent umgesetzt werden. Hierbei sollten Kantone die Gemeinden einbinden, aber auf formale Zustimmung als Teil des Plangenehmigungsverfahrens verzichten.
  • Es müssen zusätzliche kantonale Eignungsgebiete ausgewiesen werden.
    Die Verbindlichkeit der Bundesvorgaben (Konzept Wind) müssen gestärkt werden, es braucht ein gesamtschweizerisches Monitoring ihrer Umsetzung (Eignungsgebiete, Konkretisierung von Projekten, Bewilligungen) sowie die Stärkung der Koordination zwischen Bund, Kantonen, Projektanten und weiteren Stakeholdern zu Eignungsgebieten und konkreten Projekten. 

Für die Realisierung von Windkraftanlagen ist der Dialog mit der Bevölkerung zentral

Trotzdem bleibt der Ausbau von Windenergie eine Herausforderung. Viele aktuelle Projekte werden über Gemeindeabstimmungen und Einsprachen von Privaten und Verbänden entweder verlangsamt oder verhindert oder müssen redimensioniert werden. Grundsätzlich zeigt sich, dass mit zunehmendem Wissen über die Technologie Vorbehalte abnehmen. Umso wichtiger ist es, den Dialog mit der Bevölkerung sowie die Transparenz in der Projektentwicklung systematisch zu stärken. Frühzeitige, kontinuierliche und verständliche Information über Projekte, deren Nutzen sowie deren Auswirkungen ist zentral für die Akzeptanz.

Unser Windmobil als mobiles Informationsangebot sowie lokale Informationsanlässe und partizipative Formate ermöglichen es, Fragen und Bedenken direkt aufzunehmen und in die Planung einfliessen zu lassen. Entscheidend ist dabei, nicht nur zu informieren, sondern echte Mitwirkung zu ermöglichen und Vertrauen durch Offenheit und Nachvollziehbarkeit der Entscheidungsprozesse aufzubauen.

Die breite Akzeptanz von Solaranlagen spricht für einen weiteren Ausbau der Photovoltaik

ProudMag.com: Solaranlagen produzieren 75 % des Stroms während den Sommermonaten und können daher die verminderte Stromproduktion der Wasserkraftwerke im Winter nicht kompensieren. Was spricht nach Ihrer Meinung trotzdem für den Ausbau der Solarenergie?

Martin Koller: Dach-PV oder weitere integrierte Anlagentypen wie Fassaden-PV haben in der Bevölkerung eine sehr hohe Akzeptanz. Zusätzlich ist der heutige regulatorische Rahmen sehr umfassend: Dach-PV ist oft nur meldepflichtig und profitiert von einer weitreichenden Förderung, ergänzt durch starke Anreize dank Möglichkeit zur Reduzierung der Netzkostenbeteiligung bei Eigenverbrauch. Dies führt dazu, dass Dach-PV die einzige Technologie ist, die in der Schweiz aktuell in grösserem Umfang ausgebaut wird.

Der Import von Gas ist für die Schweiz auch in Zukunft keine valable Alternative

ProudMag.com: Gaskraftwerke könnten laut der Axpo ebenfalls zur Versorgungssicherheit beitragen. Doch für den Betrieb dieser Werke müsste die Schweiz Unmengen an Gas importieren. Sind unter diesem Gesichtspunkt Gaskraftwerke nicht die schlechteste der vorgeschlagenen alternativen Produktionsmöglichkeiten?

Martin Koller: Gaskraftwerke können im Winter die Produktion aus Wasserkraft, Wind und Solar ergänzen, wenn diese nicht ausreichend verfügbar sind. Der notwendige Gasimport ist eine Herausforderung, die einerseits adressiert werden kann und andererseits im Kontext betrachtet werden sollte:

  • Für Erdgas bestehen in der Schweiz keine grosstechnischen Speicher (oder LNG-Terminals). Als Alternative könnten ausländische Gasspeicher aufgebaut oder vertraglich abgesichert werden, um auch in Mangellagen die Versorgung sicherzustellen. Eine zusätzliche Option wäre, die sog. Zweistoff-Fähigkeit der Gaskraftwerke auszunutzen, wobei die Stromerzeugung alternativ zu Erdgas auch mit lagerbaren Flüssigbrennstoffen sichergestellt werden kann.
  • Der Betrieb der Gaskraftwerke ist auf Importe des Brennstoffs angewiesen, verringert aber aus gesamtschweizerischer Sicht den Gasbedarf, da dieser durch die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme insgesamt sinkt.
  • Aus einer gesamteuropäischen Sicht ist zudem davon auszugehen, dass Gas in den kommenden Jahrzenten weiterhin eine systemkritische Rolle spielen wird und entsprechende Vorkehrungen für eine sichere Versorgung getroffen werden.

Der Langzeitbetrieb bestehender Kernkraftwerke ist die günstigste Möglichkeit zur Erzeugung von Winterstrom

ProudMag.com: Der Ständerat hat im Frühling dieses Jahres beschlossen, den Neubau von Atomkraftwerken in der Schweiz wieder zuzulassen. Der Entscheid des Nationalrats in dieser Angelegenheit steht noch aus. Die Grünen haben bereits das Referendum angekündigt. Eine Befragung des Instituts DemoSCOPE von Ende 2024 hingegen hat ergeben, dass knapp die Hälfte der Bevölkerung sich für einen Neubau ausspricht. Inwiefern kann die Kernenergie den künftigen Energiebedarf der Schweiz nachhaltig abdecken? Und welche Voraussetzungen sind dafür nötig?

Martin Koller: Wie alle anderen untersuchten Technologien kann Kernenergie in Zukunft einen wesentlichen Beitrag zur Schweizer Stromversorgung leisten. Der Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke ist die günstigste Möglichkeit für grosse Mengen an Winterenergie und verschafft der Schweiz Zeit, falls sich der Ausbau anderer Technologien verzögert. Wir empfehlen deshalb, unabhängig vom Szenario, den Langzeitbetrieb der bestehenden Kernkraftwerke zu ermöglichen. Dazu braucht es für die verbleibende Betriebsdauer eine Risikoteilung mit der öffentlichen Hand. Neue Kernkraftwerke würden den Strommix ergänzen, so wie die bestehenden es heute tun. Für den Neubau ist eine umfassende Übernahme von politischen, regulatorischen und finanziellen Risiken durch den Staat notwendig. Ohne diese Risikoübernahme sind die Risiken neuer Kernkraftwerke für Unternehmen nicht tragbar. Zudem müsste als erstes das Neubauverbot für Kernkraftwerke aufgehoben werden.

Für den Neubau eines Kernkraftwerks muss der Bewilligungsprozess ab 2030 anlaufen

ProudMag.com: Die Axpo spricht sich in den Energy Reports grundsätzlich für den Neubau von Kernkraftwerken aus. Zur Debatte stehen in diesem Kontext die so genannten SMR (Small Modular Reactors) der Generation 3+ und 4. Wie realistisch ist dieses Szenario und unter welchen Bedingungen und mit welchem zeitlichen Horizont wären solche Reaktoren in der Schweiz realisierbar?

Martin Koller: In den Axpo Energy Reports fokussieren wir uns auf Technologien, welche bis 2050 einen substanziellen Beitrag zur inländischen Stromproduktion im Winterhalbjahr leisten können. Um den Neubau eines Kernkraftwerks bis 2050 zu erreichen, müsste unter dem aktuellen Regelwerk der Bewilligungsprozess Anfang der 2030er-Jahre gestartet werden. Hierfür sollte die Technologie hinreichend bekannt und erprobt sein. Sowohl kleinere modulare Reaktoren (SMR), als auch Gen IV Reaktoren sind noch nicht kommerziell verfügbar oder befinden sich noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium.

Um das Stromnetz in Zukunft entlasten zu können wären Batteriesysteme ökonomisch und technisch sinnvoll

ProudMag.com: Eine gesteigerte Energieproduktion verlangt gleichzeitig auch nach einem beschleunigten Netzausbau. Könnten fehlende Transportkapazitäten für die Schweiz in Zukunft zur Achillesferse werden? Oder anders gefragt, welche Relevanz misst die Axpo dem Ausbau der Stromnetze für die zukünftige Energiestrategie der Schweiz bei?

Martin Koller: Die Notwendigkeit des Netzausbaus in unbestritten, denn die Dezentralisierung der Stromproduktion sowie die zunehmende Volatilität sind eine Herausforderung für den stabilen Netzbetrieb. Es geht hierbei aber nicht nur um die Transportkapazitäten, sondern auch um die Stabilität der Netzspannung. Vor allem an sonnigen Tagen entstehen zur Mittagszeit, wenn alle Solaranlagen gleichzeitig Strom ins Netz einspeisen, Belastungsspitzen, die das Netz stark beanspruchen. Das Stromnetz für diese wenigen Spitzenproduktionsstunden auszubauen, ist aber weder ökonomisch noch technisch sinnvoll. Batteriesysteme sowie sogenanntes Peak-Shaving können helfen, das Netz zu entlasten.

Die Kantone verfügen bei der Gestaltung der Schweizer Energie-Zukunft über die entscheidenden Kompetenzen

ProudMag.com: Die Axpo Group steht im Besitz der Kantone Zürich, Aargau, St. Gallen, Schaffhausen, Glarus und Zug. Welche Rolle spielen die Beschlussfassungen und Kompetenzen der Kantone in der Frage, wie die Schweiz in Zukunft den Weg einer möglichst autarken Energieproduktion beschreitet?

Martin Koller: Die Kantone verfügen über entscheidende Kompetenzen: Sie bestimmen beispielsweise durch die Zonenplanung, wo Windkraftanlagen entstehen. Im Gebäudebereich regulieren sie Sanierungsstandards und Heizungssysteme, im Verkehr können sie die Elektromobilität fördern. Dennoch ist die Energiepolitik zu einem grossen Teil eine Angelegenheit des Bundes.

Axpo Energy Reports zur Zukunft der Schweizer Stromversorgung