Im Januar dieses Jahres war es soweit: Nach 16 Monaten Bauzeit konnte im baden-württembergischen Wutöschingen der Neubau für die gymnasiale Oberstufe der Alemannenschule bezogen werden. Für die Innenarchitektur war das interdisziplinäre Innenarchitekturbüro Raumreaktion aus Zürich verantwortlich. Entworfen hat das neue Schulgebäude das Architekturbüro von Harald Jäger.

Das Raumreaktion Team, bestehend aus der Psychologin Caroline Spirig, der Innenarchitektin Anika Müller und dem Industrial Designer Patrick Müller, fokussiert sich auf Innenarchitektur in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Co-Working. Das Innenleben der Alemannenschule wurden unter neuen Gesichtspunkten von Raumreaktion gestaltet. Denn Frontalunterricht wird immer mehr vom problemlösenden und selbstorganisierten Lernen in Gruppen- oder Einzelarbeit abgelöst.
 
Weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer

So gibt es weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer. Eigentlich erinnert nicht viel an eine Schule, die man sonst kennt. Auf 2439 Quadratmetern, verteilt auf zwei Geschosse, gehen am Gymnasium der ASW rund 180 Personen ein und aus. Der Grundriss wurde genau auf das pädagogische Konzept abgestimmt, das in der Schule tagtäglich umgesetzt wird. Dabei wurden die PädagogInnen von Anfang an in den Planungsprozess miteinbezogen.
 
«Die Alemannenschule ist ein besonderes Projekt für uns, bei dem wir bewusst Konventionen des klassischen Schulbaus durch neue Ideen des Zusammenarbeitens und Lernens ersetzt haben. Dadurch wollen wir den Schülerinnen und Schülern eine bessere Lernatmosphäre und einen offenen Austausch im täglichen Miteinander ermöglichen», sagt Caroline Spirig von Raumreaktion,
 
Das Zentrum des Gebäudes bildet ein riesiger Co-Learning Space. Hier trifft man sich, erarbeitet etwas zusammen oder wählt sich inmitten einer Variation von Sitz- und Stehmöglichkeiten seinen Einzelarbeitsplatz aus. Er ist das Herz des Gebäudes und macht in seiner Ausgestaltung die Identität der Schule sichtbar. Statt eine Hülle zu bauen und diese dann mit Möbeln und Menschen zu füllen, wurde die ASW um die Bedürfnisse der Menschen, die darin lernen und lehren, herumgebaut.

Der Co-Learning Space ist das Herz des Gebäudes. 
Schule sah früher so aus: Die Lehrperson stand im klassischen Frontalunterricht vorne und referierte, die Schülerinnen und Schüler hörten zu und schrieben auf streng angeordneten Bänken fleissig mit. Wer nicht zuhörte hatte Pech, denn, wer sonst, wenn nicht die Lehrperson würde ihnen das Wissen vermitteln können? Die Wissensvermittlung durch Frontalunterricht bedeutete architektonisch, dass sich entlang eines langen Flurs ein Klassenzimmer an das nächste reihte. Längst wird diese Lehrform jedoch immer mehr vom problemlösenden und selbstorganisierten Lernen wie Gruppen- oder Einzelarbeit abgelöst. Auch ist Wissensarbeit nicht mehr bloss an einen Lehrort wie die Schule gebunden. Wissen kann heutzutage über vielfältigen Medien, auch von zuhause aus angeeignet werden. Generell scheint die Entwicklung in der Schularchitektur jedoch nur im Schneckentempo vonstattenzugehen, klassische Flurschulen mit aneinandergereihten Klassenzimmern bilden immer noch die Mehrheit.
 
Nicht so an der Alemannenschule im Süddeutschen Wutöschingen. Hier gibt es weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer. Eigentlich erinnert nicht viel an eine Schule, die man sonst kennt.
 
Auf 2439 Quadratmetern, verteilt auf zwei Geschosse, gehen am Gymnasium der ASW rund 180 Personen ein und aus.
 
Einzigartig ist: Der Grundriss wurde genau auf das pädagogische Konzept abgestimmt, das in der Schule tagtäglich umgesetzt wird. Dabei wurden die PädagogInnen von Anfang an in den Planungsprozess miteinbezogen. Es ist unmöglich, Arbeitsräume zu schaffen, ohne dabei die Menschen einzubeziehen, die beschreiben, wie sie genau darin arbeiten werden.
 
Klar erkennbare Raumfunktionen sollten den LernpartnerInnen und LernbegleiterInnen (so bezeichnet man an der ASW die SchülerInnen und LehrerInnen) das Einfinden in den Lernalltag vereinfachen.
 
In der ASW stehen Schlüsselkompetenzen wie Selbstverantwortung und selbstorganisiertes Lernen im Mittelpunkt. Dafür müssen Räume so gebaut werden, damit sie den Lernenden eine größtmögliche Flexibilität und Selbstbestimmtheit bieten können. In einem Moment erfordert eine Aufgabe Konzentration, im nächsten Augenblick ist eine Kooperation mit anderen gefragt. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, sich acht Stunden lang durchgehend Wissen anzueignen. Für effektives Lernen braucht es geplante Pausen und dafür geeignete Räume, wo Rückzug und Entspannung möglich sind. Ein gelungener Schulkontext muss versuchen, den unterschiedlichen Grundbedürfnissen gerecht zu werden. Raumreaktion nimmt sich dabei den Begriff des «Raums als dritten Pädagogen» von Loris Malaguzzi aus der Reggio Pädagogik sehr zu Herzen. Nie ist ein Raum bloss eine Hülle. Immer nimmt er, wenn auch nur auf einer unbewussten Ebene, Einfluss auf unser Befinden und unser Verhalten. So besitzt jeder Raumtyp an der ASW seinen ganz eigenen Charakter.
  

Die Meeting-Räume. 
Die Fächer der ASW sind nicht als getrennte Bereiche anzusehen, sondern als sich überschneidende und sich gegenseitig befruchtende Inhalte einer offenen Lernstruktur. Das Zentrum des Gebäudes bildet ein riesiger Co-Learning Space. Hier trifft man sich, erarbeitet etwas zusammen oder wählt sich inmitten einer Variation von Sitz- und Stehmöglichkeiten seinen Einzelarbeitsplatz aus. Er ist das Herz des Gebäudes und macht in seiner Ausgestaltung die Identität der Schule sichtbar. Menschen sind dafür gemacht, im sozialen Gefüge dazuzugehören. Das Gefühl der Zugehörigkeit ist der Schlüssel, damit die Menschen ihren wertvollen Beitrag zur Schulkultur auch leisten möchten. Eine in der Mitte des Raumes, im Boden eingelassene Bronze-Plakette erinnert die Lernenden an die Philosophie, auf der die Schule das Lernen basiert: „Mit dem Herzen dabei“.
 
Eine kaskadenartige Treppe bildet den Aufgang ins Obergeschoss und bietet gleichzeitig eine willkommene Sitzgelegenheit auf Kissen und Säcken. Maßgefertigte Polstermöbel, die sich in Aufbau, Dimensionen und Details, durch das ganze Gebäude ziehen, bringen Ruhe in die Räume und konnten – nicht zuletzt – kostengünstig als Kleinserie produziert werden. Hier befinden sich neben den Coachingräumen die Inputräume, in denen Wissen für je 30 Minuten im klassischen Frontalunterricht vermittelt wird. Der Flur ist offen und großzügig gestaltet: verschiedene Open Spaces laden die LernpartnerInnen zum Verweilen, Vernetzen und Kooperieren ein.
 
Kurzum: Statt eine Hülle zu bauen und diese dann mit Möbeln und Menschen zu füllen, wurde die ASW um die Bedürfnisse der Menschen, die darin lernen und lehren, herumgebaut. Das Lernkonzept der ASW gab die Richtung vor, die Räumlichkeiten wurden den Bedürfnissen angepasst und entsprechend konzipiert.
 
Macht Wutöschingen bald Schule?
In Wutöschingen ist man begeistert von der neuen ASW. Laut dem Bürgermeister Georg Eble gibt es bis anhin kein vergleichbares Projekt. Doch es ist nicht auszuschließen, dass das Konzept der Alemannenschule Wutöschingen im deutschsprachigen Raum noch Schule machen wird.

www.raumreaktion.ch