Das Zürcher Innenarchitekturbüro Bureau Hindermann hat für das Treppenhaus einer Villa Grenzen überschritten. Anstatt Designerleuchten in den Raum zu hängen, verwandeln sie mit raumgreifenden, kreisförmigen Farb-LED-Profile und einer verspiegelten Decke mit einem augenfälligen Oberlicht die vertikale Erschliessung in einen magisch-künstlerischen Farblicht-Raum.

Ein schwebender Kreis und eine hängende Pillenform, die sich zu überschneiden scheinen; ein magentarotes Rechteck, das ein Stück Himmel rahmt und mitten im Raum zu schweben scheint: Die Tages- und Kunstlicht-Installation von Bureau Hindermann aus Zürich, realisiert für die grosszügige Treppensituation einer privaten Villa, gleicht einem verwirrenden räumlichen Vexierspiel. Oben und unten lassen sich kaum mehr unterscheiden, so dass man versucht ist, die Bilder immer wieder zu drehen, um anschliessend festzustellen, dass dann die Landschaft im Hintergrund kopfsteht.

Des Rätsels Lösung: Die beiden Lichtbänder aus vierkantigen Metallprofilen mit RGB-LED-Innenseite sind im Grunde genommen ein von der komplett verspiegelten Decke hängender Halbkreis (H x B 110 cm) und ein in den Treppenraum hängendes U (304,5 cm H x 263 cm B). So verdoppeln sich die Formen im Spiegel. Auch der Raum scheint in der Wahrnehmung verdoppelt und gespiegelt. In der Decke ausgespart ist lediglich der Schacht des Oberlichts mit seiner markanten Laibung in der Farbe Hot Magenta. Auch dieses leuchtende Rechteck scheint mitten im Raum zu schweben.

Lichträume und Simultankontraste

Die Referenzen der künstlerischen Lichtinstallation sind vielfältig. Die verschiedenen Farbstimmungen, die mit den RGB-LEDs erzeugt werden können, erinnern an die Skyspaces von James Turrell (*1943). Den amerikanischen Land-Art-Künstler, der Psychologie und Mathematik studierte, bevor er sich der Kunst zuwandte, interessiert vor allem die Wahrnehmung und (Im-)Materialität von Licht und wie wir uns davon immer wieder täuschen lassen. So erscheint auch hier der Himmelsausschnitt bei grünem Raumlicht violett, bei rosa Licht leicht grünlich. Simultankontrast nennt sich dieses Wahrnehmungs-Phänomen. «Spiegelungen, Kreise und die Irritation unserer Raumwahrnehmung sind auch eine Konstante im Werk von Olafur Eliasson», ergänzt Innenarchitekt Christof Hindermann.

Immer wieder besticht das intensive Hot Magenta der Laibung des Dachfensters. Diese intensive Farbe ist eine konkrete Referenz an den mexikanischen Architekten und «Meister der Emotionalen Architektur» Luis Barragán (1902–1988). Keinem anderen Architekten ist es gelungen, moderne Architektur, Landschaftsbezug und die farbige Tradition Mexikos auf solch eine virtuose Weise miteinander zu verweben. «Die Referenz an Barragán bezieht sich auf die Herkunft der Bauherrin», so Christof Hindermann.

Starke Bilder

In den Designs und Projekten von Bureau Hindermann für private Bauherrschaften und Schweizer Unternehmen spielen starke Bilder und Referenzen, augenzwinkernde Bezüge und Überzeichnungen eine wichtige Rolle. Für den Innenarchitekten, der seine Lehr- und Wanderjahre bei Trix und Robert Haussmann absolviert hat, ist das Emotionale ein wesentliches Moment, um eine Beziehung zwischen den Räumen, Objekten und den Menschen, welche die Räume nutzen, herzustellen. Ein Designansatz, der auch von der Postmoderne vertreten wurde, namentlich vom italienischen Designer Ettore Sottsass: In Abwandlung des modernistischen Credos form follows function sprach Sottsass von form follows emotions. Doch anstatt des postmodernen everything goes ist für Christof Hintermann immer wichtig, dass die Bilder und Bezüge aus dem Lebensumfeld der Nutzerinnen und Nutzer stammen.

Farb-LED mit grossem Potenzial

Im Treppenhaus ist es das räumliche Verwirrspiel, aber auch die Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung mit (farbigem) Licht und unserer Wahrnehmung, die aus einer anspruchsvollen Lösungsfindung für ein grosses Treppenhaus eine Kunstinstallation machen. Die LED-Profile sind eine Spezialanfertigung, die in Zusammenarbeit mit 3dimensional AG (Detailplanung, Prototypenbau und Montage) sowie iGuzzini realisiert wurden. Die unterschiedlichen Farbstimmungen können mit der entsprechenden Lichtsteuerung erzeugt werden und tauchen die verputzten Wände komplett in das entsprechende Farblicht.

Der Bauherrschaft ist die Aufmerksamkeit ihrer Gäste damit sicher. Im Design spricht man von einem Talking Piece: Etwas, worüber man spricht, woran man sich erinnert und das auch zur Reflexion anregt. Nicht zuletzt steckt gerade in der LED-Beleuchtung aufgrund der heutigen geringen Dimensionen der Lichtquelle ein grosses Potenzial, Licht nicht nur als Objekt im Raum, sondern als Möglichkeit für immersive Raum- und Lichterlebnisse in den Vordergrund zu rücken.

Fotos: Tom Bisig, Basel

www.hindermann.ch