Visit Estonia hat dieses Jahr einige Sozialexperimente in europäischen Großstädten durchgeführt. Dabei ging es darum, die auf wissenschaftlichen Forschungsdaten basierende Idee zu verbreiten, dass ein Aufenthalt in freier Natur den Stresspegel senkt. Dazu muss man nicht unbedingt alleine irgendwo im Wald hocken, es reicht schon ein grüner, angenehmer Platz in einem städtischen Park (obwohl: ein üppiger estnischer Wald wäre natürlich schöner).

Inspiriert wurde die Idee, eine Art „Pop-Up-Natur“ zu erschaffen, durch jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei dem Experiment ging es darum, Passanten zu beobachten und diejenigen auszuwählen, die danach aussahen, als könnten sie etwas Stressabbau gebrauchen. Diese Personen wurden dann angesprochen und gefragt, ob sie nicht ein paar Minuten in der wunderbaren Natur Estlands verbringen möchten. Anschließend wurden sie gefragt, welche Wirkung es auf sie gehabt hat. Geleitet wurde das Ganze von Dr. André Weinreich, Psychologie-Professor an der Berliner Humboldt-Universität. Das Video zur Kampgane findet ihr hier.

Wie wurde erkannt, wer am dringendsten eine Pause benötigt? Dazu wurde modernste Technik eingesetzt, man kann sich schließlich schlecht einfach an eine geschäftige Straße stellen und allen Menschen ins Gesicht starren.

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Hinter den Kulissen des Experiments.

Eine Bilderkennungssoftware zur Erkennung des Stresspegels

Zum Glück entwickelt sich Bilderkennungssoftware in atemberaubendem Tempo. Viele kleine Start-up-Unternehmen sind in diesem Bereich aktiv und spielen mit dem Identifizieren von Gegenständen und dem Auswerten von Bildern oder sogar Live-Videos herum. Einen Schritt weiter ist das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) in Erlangen. Dort hat man eine Technologie entwickelt, die nicht nur Alter und Geschlecht einer Person erkennen kann, sondern auch eine Bandbreite von Emotionen anhand winziger Veränderungen der Mimik erfasst. Das „SHORE“ genannte Programm kommt in erster Linie bei Google Glass zum Einsatz, kann aber auf jedem PC mit HD-Video-Aufnahmefunktion verwendet werden.

Die Software ist so gut, dass sie mehrere Gesichter innerhalb eines Bildausschnitts scannen und analysieren kann. Damit ist sie natürlich perfekt für die Aufgabe geeignet, eine belebte Straße abzusuchen und mit Hilfe von Dr. Weinreich festzulegen, wer möglicherweise die höchsten Stresspegel aufweist. Ein kleiner Hinweis an dieser Stelle: Die Software speichert die Bilder nicht und sucht auch nicht das Internet nach Referenzbildern ab.

SHORE erwies sich in Berlin als voller Erfolg. Viele überarbeitete und stark gestresste Menschen wurden ausgemacht und angesprochen. Wer sich zur Teilnahme bereit erklärte, fand liebevolle Aufnahme in unserem „Pop-Up-Wald“. Die meisten waren anschließend entspannter und positiver gestimmt. Es bestätigten sich also die jüngsten Forschungsergebnisse.

Grünflächen dienen der Entspannung

Dr. Mathew White von der Medizinischen Fakultät der britischen Uni Exeter hat 2013 ein Paper zu der Frage veröffentlicht, wie sich Grünflächen in Städten auf die geistige Gesundheit auswirken. Darin heißt es:

„Unsere Daten lassen den Schluss zu, dass 30 Minuten pro Woche in einer natürlichen Umgebung, in der es so wenige menschliche Elemente wie möglich gibt (inklusive der Geräusche), in Einklang gebracht werden können mit deutlich besserer Gesundheit.“

In Estland dürfte diese Aussage wohl nur wenige überraschen, denn die Esten leben in einem Land, das üppig mit Naturschätzen gesegnet ist und in dem man problemlos der Natur im Handumdrehen ganz nah kommen kann. Wie gut ein Leben umgeben von Wäldern, Mooren und ruhigem Meer sein kann, wissen die Esten längst (auch wenn sie es manchmal als zu selbstverständlich hinnehmen).